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Kurz entschlossen und gewonnen

Sontraud Speidel sprang für den erkrankten Justus Frantz ein

Von Martin W. Eßinger

Für ihren sechsten Kammermusikabend hatte die Gesellschaft der Musik- und Kunstfreunde Heidelberg ursprünglich Justus Frantz verpflichtet, der aber am frühen Morgen wegen einer Sehnenscheiden-Entzündung absagen mußte. Für ihn sprang kurzfristig mit einem anspruchsvollen Schumann-Programm Sontraud Speidel ein. Sie ist Professorin in Karlsruhe, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ihr pianistisches Können auch auf Schallplatten festgehalten. 1979 spielte sie im Palais Schaumburg und 1980 absolvierte sie ein umjubelte Konzerttournee durch die Sowjetunion.

Die Alte Aula der Universität war restlos ausverkauft, alle waren auf Frantz gespannt gewesen. Trotz der Änderung gaben nur wenige ihre Karten zurück, aber enttäuschte, lange Gesichter über die Absage gab es genug. Gegen das ursprüngliche kurze Programm populärer Werke der Klavierliteratur standen nun drei selten zu hörende Werke von Robert Schumann. Wo bekommt man schon alle zwanzig Stücke der "Albumblätter", op. 124, zu hören? Schumann komponierte sie 1832 bis 1845 und vereinte musikalische Miniaturen unterschiedlichsten Charakters, die sicher nicht alle gleich wertvoll sind, mitunter sogar biedermeierlicher Salonmusik nahestehen. Aber durch eine Künstlerin vom Range Sontraud Speidels erhält jedes Stück seine Bedeutung. "Leides Ahnung" und "Leid ohne Ende" heben sich als tiefempfundene Szenen hervor, die auch ihrer schlichten Melodik wegen haften blieben. Zwei "Phantasiestücke" beanspruchten dagegen in wilden, hetzenden Gebärden die ganze Klaviatur, worauf zwei entzückende "Walzer" von echtem Schumannschen Typus sind. Ein Bild aus den "Kinderszenen" scheint das für die Tochter Marie komponierte "Schlummerlied" von 1841 zu sein, das sich größter Beliebtheit bei der klavierspielenden Jungend erfreut, und das Frau Speidel mit besonderer Innigkeit spielte. Ein rasanter "Canon" schloß die "Albumblätter" effektvoll ab. Jeder der zwanzig Miniaturen verstand Sontraud Speidel ihr eigenes Gepräge zu geben. Sie spielte die Stücke ohne effekthaschenden Beigeschmack, dafür aber umso souveräner im Ausdruck und mit der ganzen Wärme des weiblichen Gefühls.

1835 entstand Schumanns dritte Klaviersonate f-moll, die ursprünglich fünfsätzig war und die Sontraud Speidel gleich nach der Pause vorstellte. Das seltsame Werk hatte zwei Scherzi, von denen Schumann in der Endfassung eines entfernte.

Frau Speidel brachte es als zweites Stück vor der Pause zu Gehör. Die Pianistin wies durch ihre gewissenhafte Interpretation auf die Qualitäten dieses nahezu vergessenen Werkes hin, das besonders durch seinen lyrisch-romantischen Mittelteil gefiel. Im eigentlichen Prestoteil konnte Sontraud Speidel ihre technische Perfektion, die nie den Showeffekt benötigt, hervorkehren.

Nach der Pause durfte man Schumanns merkwürdiges "Concert sans Orchestre" hören und feststellen, daß diese dritte Sonate in f-moll zu seinen besten Eingebungen zu rechnen ist. Franz Liszt schätzte dieses Opus 14 sehr, dennoch ist es bislang ganz selten aufgeführt worden. Sicher ist es in seiner musikalischen Diktion und in seiner Form ein überaus kühnes Werk, aber es ist auch, wie Sontraud Speidel deutlich machte, ein tief ergreifendes, dessen Klaviersatz ungemein virtuos und griffig ist. Den ersten Satz versah die Pianistin mit dem nötigen Pathos, und die stürmische Bewegung des musikalischen Geschehens nahm den Zuhörer unmittelbar gefangen. Novellettenartig nimmt sich der Stil des zweiten Satzes aus. Der dritte Satz ist "Quasi Variationi, Andantino da Clara Wieck" überschrieben und variiert faszinierend ein marschartiges Thema in sechzehn Takten, wobei vermerkt ist, daß Clara damals gerade sechzehn Jahre alt war. Schumann offenbart in den Veränderungen seine ganze Kunstfertigkeit und auch seine ernsthafte Leidenschaft, die die Grundlage für die vierte, tragische Variation bildet. Virtuos und kraftvoll führt das "Prestissimo possibile" das fesselnde Werk zum furiosen Ende.

Die Pianisten blieb dem schwierigen Werk nichts schuldig und wurde mit heftigem Beifall und Blumen gefeiert, wofür sie sich mit einer Zugabe von Mendelssohn Bartholdy bedankte. Frau Speidel bot an diesem Abend mehr als nur einen Ersatz für den erkrankten Star, ihre zurückhaltende Art, die warmen Töne und die Kantabilität ihres Vortrages stellte sie stets in den Dienst des musikalischen Gehaltes und der vermittelten Musik. Der Dienst am Werk und nicht der Effekt ist ihr wichtig.

Rhein-Neckar-Zeitung