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Eine spannende Wiederentdeckung

Schumann-Uraufführung in einer Matinee des Süddeutschen Rundfunks

Von Thomas Rübenacker

Die Uraufführung eines Werkes von Robert Schumann heute ist an sich schon eine spektakuläre Angelegenheit: so vieles gibt es noch zu entdecken an dem fremdesten und reinsten Meister der Romantik. Aber Joachim Draheim, bedeutender Schumannforscher und Autor dieser Matinee im Sendesaal des Süddeutschen Rundfunks (Studio Karlsruhe), ging noch einen Schritt weiter - er illuminierte die professionelle Freundschaft, wie einseitig sie auch immer gewesen sein mag, zwischen Schumann und Frédéric Chopin.

Der Morgen, der wie ein Abend war - so reich an Thomas Mannscher "Fülle des Wohllauts", so (im besten Sinne) erschöpfend an kluger Kommentierung und Textauswahl - dieser Morgen war ein singuläres Ereignis nicht nur eben dieser Uraufführung, sondern auch der Bezugslinie wegen, denen er nachspürte. Da gab es zu Beginn Chopins Opus 2, kaum bekannt, Variationen über Mozarts Duett Là ci drem la mano aus dem Don Giovanni, die - wie Draheim ausführte - der zwanzigjährige Schumann seinem Lehrer und Übervater Wieck glühend nahezubringen suchte. Im Stil eines Funkfeatures umspielten die Kommentare Zeitdokumente, Äußerungen der Beteiligten, vom Schauspieler Markus Hofmann klar und unpathetisch gelesen. Dazu etablierte sich Sontraud Speidel, als eine Art Clara Schumann-Wieck unserer Tage, mit Bravour und Innigkeit, mit virtuoser Geste und zarter Abtönung. Schon wie in diesen Variationen das Thema sich findet und neuverwandelt - es wurde meisterlich dargestellt.

Wie auch das knappe Charakterstück Chopin aus Schumanns Carnaval, eine - so Draheim - "verblüffend genaue Stilkopie". Und doch auch mehr. Das wurde evident in den beiden Widmungswerken, einmal der Kreisleriana, diesem Schumannschen Herzstück, das Chopin (und, qua Sujet, auch E. T. A. Hoffmann) zugeeignet ist, sowie Chopins "Revanche", der F-Dur-Ballade op. 38. Selten hörte man die Romantik so deutlich als jene Stilepoche, in der das künstlerische Individuum sich etablierte, emanzipierte, in der es aus dem höfisch-kollektiven Kontext heraustrat; es waren zwei einander innig verwandte Seelen zu vernehmen, die gleichwohl nicht unterschiedlicher hätten argumentieren können. Gerade dieses Trennende-im-Verbindenden wurde deutlich im analytischen Spiel Sontraud Speidels, das gleichwohl emotionaler Wärme nicht entbehrte.

Und dann kam, nach dem Nocturne g-Moll op. 15 Nr. 3, die Uraufführung - Variationen zu eben diesem Nocturne, die bislang nur in unvollständiger wie auch unzulänglicher Form veröffentlicht waren und auch jetzt noch Fragment bleiben. Zwischen Berlin und Zwickau spürte Draheim mit detektivischer Akribie die Urschriften auf, ermittelte aufgrund der stilistischen Nähe zum Carnaval und zu den Symphonischen Etüden eine ungefähre Entstehungszeit zwischen 1834 und 1836 und ergänzte am Ende der Dritten Variation acht Takte, stilsicher und völlig legitim. Und spannend. Sollte es Veranstaltungen dieser Art im Studio Karlsruhe eines Tages nicht mehr geben: Es wäre ein beschämender Verlust.

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