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Die Gunst der Stunde

Gesellschaft 1950: Vorweihnachtliches Konzert in der Synagoge Ichenhausen

Die Gesellschaft 1950 hatte zu einem vorweihnachtlichen Abend in die Synagoge zu Ichenhausen mit der Pianistin Frau Professor Sontraud Speidel eingeladen. Es erklangen Werke von Johann Sebastian Bach, Franz Liszt und Robert Schumann.

Schneeregen und glatte Straßen waren vergessen, als Ichenhausens restaurierte Barock-Synagoge, die 1938 wie alle Synagogen in Deutschland zerstört, aber durch Zusammenwirken vieler vor gut einem Jahr als Haus der Begegnung wiedereröffnet wurde, hell erleuchtet vor den Augen auftauchte. Welch ein Erlebnis, unter dem sechzehnstrahligen Stern zu stehen, der zusammen mit vielen kleinen Sternen und dem blauen Farbton der Decke an ein Himmelszelt erinnert. Annegret Bock hatte recht mit ihren einleitenden Worten: Der Engel hatte im jüdischen Bethlehem die Weihnacht verkündet. Was lag also näher, nach den schrecklichen Ereignissen von 50 Jahren gerade an dieser Stelle sich auf Weihnachten vorzubereiten, sich ehrlich zu erinnern, was Weihnachten ist. Jeder hatte Gelegenheit zum Nachdenken.

Auge, Gefühl und Sentiment wurden angesprochen, lange bevor der erste Ton erklang, weit weg war adventlicher Kommerz und Kitsch.

Feierlich und verinnerlicht begann Sontraud Speidel die "Aria variata alla maniera italiana" a-Moll BWV 989 von Johann Sebastian Bach. War es die Gunst der Stunde, Zufall oder einfach die überragende Interpretation der Karlsruher Künstlerin, daß vom ersten Ton, von den ersten Bögen an alles stimmte? Licht, Farben (die Interpretin, der Stern auf der Bühne, wie selbstverständlich Bestandteil des großen Raum-Gemäldes, welches das Publikum einhüllte), Architektur und Ornamentik harmonierten in einzigartiger Weise mit dem Klang. Die in vorangegangenen Konzerten mit Streicher-Ensembles als etwas problematisch angesehene Akustik war während aller Darbietungen des Klavierabends tadellos: Der Flügel-Deckel wies die Richtung, das Deckengewölbe reflektierte sowohl feinste Pianissimo-Akkorde als auch höchste Fortissimo-Steigerungen in schönem Zusammenklang ohne jegliches Ineinanderlaufen, ohne störenden Hall (anfängliche Rückkopplungen über das versehentlich nicht ausgeschaltete Mikrofon am Rednerpult waren schnell erkannt und abgestellt).

Die Bach-Aria war wie geschaffen, offene Fragen zu beantworten, die in der gesprochenen Einleitung gestellt waren und die sich jeder in diesem Raum stellen mußte. Die klaren Phrasierungen gingen in die Tiefe, die weiten Linien waren gut durchdacht, alle Variationen standen in Beziehung zueinander. Ornamente des Raumes schienen nachgezeichnet, Details der bunten Glasfenster leuchteten auf und funkelten in der Musik.

Eine andere Welt tat sich auf in den "Variationen über ein Motiv von Bach" von Franz Liszt. Wuchtig die Thematik, feingliedrig und differenziert die Variationen. Das "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" rührte im Innersten an, aber war weit weg von Verzweiflung. Die Verlassenheit des Kruzifixus steigerte sich überdimensional, bis der immer wieder variierte Choral formal und inhaltlich die Antwort gab.

In der "Großen Sonate f-Moll Op. 14" (Konzert ohne Orchester) von Robert Schumann kam die überragende Technik der Künstlerin voll zur Geltung: Absolute Treffsicherheit, unbestechlicher Rhythmus, gekonnte Verzierungen, präzise Koordination der Hände, auch technisch schwierigste Passagen einwandfrei! War da wirklich kein Orchester dabei? Das Allegro und das Scherzo lebte von der Rhythmik, während das Andantino in vielen Variationen der Lebensweg der Clara Wieck aus der Sicht ihres Mannes empfand: Eine sehr verinnerlichte Darstellung voll Liebe und Zuneigung. Sehr effektvoll, aber auch voll Ausstrahlung das Prestissimo possibile am Schluß des Werks.

Für den lebhaften Applaus bedankte sich die Künstlerin mit dem "Lied ohne Worte" von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

(bw) Südwestpresse Ulm