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"Kreisleriana" war Ereignis des Abends

Pianistin Sontraud Speidel im Schumannhaus

Von Gunter Duvenbeck

BONN. Merkwürdigerweise macht der Musikfreund in Bonn seine Entdeckungen seit einigen Jahren seltener im "zentralen" Musentempel der Beethovenhalle als vielmehr in "Randbezirken" wie etwa Duisdorf oder jetzt erneut im Endenicher Schumannhaus, wo die Karlsruher Pianistin Sontraud Speidel ihr (offizielles) Bonnes Debüt gab, das - krankheitshalber verschoben - am Dienstagabend zu einem Erlebnis von pianistischer Meisterschaft wie musikalischem Einfühlungsvermögen in die deutsche Klavierromantik wurde.

Die Künstlerin, die im November 1979 als Gast das Bundeskanzlers im Palais Schaumburg zum erstenmal auf Bonner Boden zu hören war, gilt in ihrer Heimat noch immer als "Geheimtip" für Kenner (in den USA und Rußland, wohin sie schon mehrere Konzertreisen unternommen hat, weiß man es bereits besser).

Man mag ihr nicht anraten, sich ganz in die Hektik unseres Konzertbetriebes zu stürzen, scheint doch sowohl ihr Habitus wie auch ihr Musizieren gänzlich allem Äußerlichen abhold. Liebe zum (bis in feinste Klangschattierungen ausgefeilten) Detail verbindet sich bei ihr mit kluger Disposition der Großform, ruhiges Ausschwingen lyrischer Momente mit herzhaft zupackender Verve in dramatischen Passagen. Virtuoses wird da nie zum Selbstzweck, nicht einmal bei Czerny, dessen "Ricordanza"-Variationen den Abend liebenswert-verbindlich und ungemein klangschön eröffneten.

Selten hat man den Bösendorfer-Flügel im Schumannhaus so differenziert und der heiklen Raumakustik angepaßt vernommen. Schumanns Impromptus op. 5 und Brahms' Variationen op. 9 machten dann deutlich, mit welch subtilem Gespür für Klang und Ausdruck Sontraud Speidel zu gestalten versteht. Ihre oft recht breiten Tempi waren dabei von großem Atem erfüllt: Man hörte gleichsam auch das, was "zwischen den Noten" steht.

Unter solchen Auspizien wurden Schumanns "Kreisleriana" natürlich zum Ereignis des Abends, und in der Tat dürfte Sontraud Speidels Darstellung der von abrupt wechselnden Stimmungen durchzogenen Phantastik dieses Zyklus dem innersten Wesen der Musik geradezu bestürzend nahegekommen sein.

Auch in den dramatischen Attacken der schnellen Teile behielt sie das Geschehen "im Griff" und gliederte durch geschicktes Rubato-Spiel die Musik nach Gestalten und Phrasen hier ebenso überzeugend wie in lyrischen oder kantablen Abschnitten. Daß solch überlegenes Musizieren ebensoviel mit Empfindungstiefe wie mit Intellekt zu tun haben muß, dürfte jedem aufmerksamen Zuhörer klargeworden sein.

Bonner Rundschau