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Dimensionen des Klavierspiels

Viele gute Pianisten haben sich bei diversen Konzerten in der letzten Zeit vorgestellt, und dann kommt Sontraud Speidel als Gast der Werner-Trenkner-Gesellschaft ins Museum Baden und macht sie alle vergessen. Vor 150 Jahren wäre es ihr trotz aller Virtuosität nicht leicht gefallen, eine große Karriere zu machen, denn musizierende und komponierende Frauen waren der Gesellschaft suspekt. Selbst eine Künstlerin wie Fanny Mendelssohn wurde von ihrem Vater auf ihre Aufgabe als Ehefrau und Mutter vorbereitet, erst durch ihre Heirat mit dem Hofmaler Wilhelm Hensel konnte sie sich musikalisch entfalten.

Konsequent spielte Professor Sontraud Speidel Werke von Frauen, und da gibt es auch heute noch vieles zu entdecken. Auch Robert Schumann setzte voraus, dass seine Ehefrau Clara sich mit "ihrem Hauptberuf als Mutter" zufrieden geben würde, trotzdem sorgte er für die Drucklegung der wenigen Kompositionen der brillanten Pianistin. Was die zahlreichen Zuhörer im Meistermann-Saal erlebten, war viel mehr als ein Klavierabend, es war ein hoch interessanter Diskurs über das Klavierspiel, denn Sontraud Speidel stellte viele Kompositionen in kurzen Abrissen vor, sie verglich und deckte Gemeinsamkeiten auf, dazu erzählte sie einiges über die Komponistinnen und ihre Zeit, kurz gesagt, es war ein Ereignis. Die Zuhörer vergessen bei Sontraud Speidel vollkommen die Virtuosität, die vielfach preisgekrönte Pianistin benötigt keine Posen, mit der größten Selbstverständlichkeit spielt sie auswendig ihr Programm in einer Klarheit und Reinheit des Klavierspiels so wie es nur großen Künstlern gelingt, zu denen Sontraud Speidel zweifellos gehört. In die Reihe der großen Komponistinnen des 19. Jahrhunderts gehören auch die Polin Maria Szymanowski und Anna Weiss, die deutsche Mutter des großen Pianisten und Komponisten Ferrucio Busoni. Fanny Hensel hatte ihre glücklichste Zeit bei einem langen Aufenthalt in Italien. Wie stark die Symbiose mit ihrem berühmten Bruder Felix war, zeigt sich nach ihrem plötzlichen Tod im Alter von 42 Jahren, der Bruder stirbt ein halbes Jahr später. Am Ende wurde Sontraud Speidel zu Recht umjubelt, sie bedankte sich freigiebig mit zwei Zugaben.

(wgu), Solinger Morgenpost, 4. April 2006