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Die Kunst, einen Diamanten zu schleifen

Die Pianistin und Pädagogin Sontraud Speidel wird mit dem Eugen-Werner-Velte-Preis ausgezeichnet

Von Christine Gehringer

(Foto: Musikhochschule Karlsruhe)

"Üben - das ist wie Zähneputzen". Diese nüchterne Musikerweisheit trichtert die Pianistin Sontraud Speidel, Klavierprofessorin an der Karlsruher Musikhochschule und Leiterin des Piano Podiums Karlsruhe, ihren Schülerinnen und Schülern im Unterricht ein - weil große Kunst und lebendiges Musizieren eben zunächst einmal mit Arbeit verbunden ist, die nicht unbedingt Spaß macht, sondern die schlicht und einfach notwendig ist. Das weiß auch der junge Rastatter Pianist und Dirigent Frank Düpree, der bereits seit 14 Jahren mit Sontraud Speidel zusammen arbeitet und dessen Liste an Auftritten und Auszeichnungen beachtlich lang ist. Um ein Stück auswendig zu lernen, hat man im Unterricht gewisse Hürden zu meistern: "Man setzt sich ans Klavier, spielt eine Bach-Fuge. Frau Speidel setzt sich auch ans Klavier - und spielt die Fuge zur gleichen Zeit einen Halbton höher. Das gibt schöne Dissonanzen." Virtuoses und vertracktes Figurenwerk muss man mindestens einmal blind gespielt haben ("da heißt es dann im wahrsten Sinn des Wortes: Augen zu und durch").

Sontraud Speidel ist offensichtlich eine begnadete Pädagogin. Sie hat ein Gespür für pianistische Roh-Diamanten und versteht diese gekonnt zu schleifen: Beinahe im Wochentakt werden ihre jungen Nachwuchs-Talente mit Preisen ausgezeichnet; mit dem Mendelssohn-Preis, mit ersten Preisen beim Prof. Dichler Wettbewerb in Wien, beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" sowieso. Sie ist außerdem künstlerische Leiterin der Konzerte des Kulturfonds Baden und des Musikforums Hohenwettersbach - und fördert auch in diesem Rahmen junge Talente.

Für dieses umfassende Engagement wurde Sontraud Speidel nun an der Musikhochschule Karlsruhe mit dem Eugen-Werner-Velte-Preis ausgezeichnet, den das Rektorat ins Leben gerufen und nun erstmals vergeben hat. Diese Auszeichnung soll künftig jenen Persönlichkeiten zugedacht werden, die "in künstlerischen, pädagogischen oder auch organisatorischen Belangen der Hochschule in besonderer Weise gedient haben - das nationale und internationale Ansehen mehrend." In seiner Laudatio hob Rektor Hartmut Höll Sontraud Speidels "entschiedene Gelassenheit" und ihre "innere Unabhängigkeit" hervor, außerdem ihr Einfühlungsvermögen und ihre Menschenkenntnis, welche große Leistungen erst ermögliche.

Auch der Pianist und Komponist Eugen Werner Velte, ab 1971 Rektor der Karlsruher Musikhochschule, setzte sich unermüdlich für seine Studierenden und für die Hochschule ein, die es ohne sein Engagement nicht gäbe. Er handelte - wie Hartmut Höll anmerkte - "nach außen politisch klug und nach innen sensibel". In ihrer Dankesrede zeichnete Sontraud Speidel zudem ein lebendiges Bild ihres einstigen Lehrers: Während andere Dozenten hauptsächlich an Gesprächen untereinander interessiert und dabei manchem Tratsch nicht abgeneigt gewesen seien, habe Eugen Werner Velte hauptsächlich den Austausch mit den Studierenden gesucht; ein tiefer Respekt vor der Begabung seiner Schüler habe ihn dabei ausgezeichnet. Es ist zudem Sontraud Speidels großer Wunsch, dass seine Werke, die sich handschriftlich in der Bibliothek befinden, "endlich gedruckt werden".

Auch für Sontraud Speidel bedeutet das Unterrichten eine "kluge Weitergabe des eigenen Wissens"; sie halte nichts von einer Unterrichtspraxis, die auf einer "künstlich aufgebauten Dauerspannung" beruhe. Obwohl der Markt für Musiker hart umkämpft sei, wolle sie "den Konkurrenzdruck in ihrer Klasse möglichst gering halten".

Zwanzig derzeitige und ehemalige Schülerinnen und Schüler (einige arbeiten inzwischen selbst als Hochschul-Dozenten) dankten Sontraud Speidel mit einem umfassenden Programm und großartigen Leistungen. Nicht poliertes Virtuosentum, sondern künstlerische Individualität zeichne Sontraud Speidels Schüler aus, ließ Hartmut Höll zuvor die Zuhörer wissen. Die Gäste im voll besetzten Velte-Saal (darunter im Übrigen auch die Ururenkelin von Fanny Hensel) konnten sich daraufhin selbst davon überzeugen. Kein Vortrag glich dem anderen; nicht nur durch eine ungeheure stilistische Vielfalt und durch technisches Können, sondern vor allem auch durch eine persönliche Art des Vortrags fielen die Beiträge auf. Und als sich die Geehrte mit dreien ihrer Schüler zu einem flotten, launigen "Galop-Marche" (von Albert Lavignac) selbst ans Klavier setzt, da spürt man: Hier herrscht großer künstlerischer Teamgeist und offenbar blindes Verständnis.

PAMINA 22.12.2011