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Epochales Klavierspiel

Von Moritz von Bredow

Mit der in Karlsruhe beheimateten Sontraud Speidel kam ... eine der bedeutendsten Pianistinnen unserer Zeit in die Kirchengemeinde St. Stephan nach Hamburg - Wandsbek. Die Liste ihrer Lehrer ist nichts anderes als ein Who Is Who der Geschichte der Klavierinterpretation...

Sontraud Speidel, renommierte Professorin an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, zudem eine weltweit geachtete Pädagogin in Meisterkursen und Wettbewerbsjurorin, ist eine ganz außergewöhnliche Pianistin. Für diesen Abend hatte sie drei Sonaten ausgewählt, die in sich ein schlüssiges Programm darstellten und von der Künstlerin mit klugen, inhaltsreichen Worten jeweils kurz eingeführt wurden.

Am Anfang stand Ludwig van Beethovens E-Dur - Sonate op. 109, entstanden 1820, wenige Jahre vor Beethovens Tod, als dieser schon völlig ertaubt war...

Sontraud Speidel gelingt von Beginn an einfach alles: das kantilenenartige, gesangliche Thema zu Beginn wird innig empfunden, der improvisatorische Charakter im weiteren Verlauf dann immer wieder durch die Motivik des Anfangsthemas ergänzt und fortgeführt. Reich im Ton, die tief empfundenen, tatsächlichen Intentionen Beethovens in den Mittelpunkt stellend, gibt Sontraud Speidel sich vollkommen dem Werk hin. Da ist nichts Äußeres, nichts Eitles, da gibt es keine Vordergründigkeit. Die vorherrschende Tonart dieses Satzes, E-Dur, bewirkt seinen leuchtenden, hellen Charakter. Alles Lichtreiche, die Details der Nachdenklichkeit und des Innehaltens, das Gesangliche an sich, sind das Zentrum der Interpretation Sontraud Speidels, die sich nie in Details verliert, jedoch jedes Detail und jede Nuance in das große Ganze einbindet, so dass die Vielgestaltigkeit ihres Klavierspiels wirklich vollkommen und die großen Bögen des Werkes verständlich werden. Die Einheit der Komposition erreicht Sontraud Speidel auch durch das unmittelbare Aufeinanderfolgenlassen der einzelnen Sätze. Dies wird besonders auch in dem attacca begonnenen zweiten Satz, Prestissimo, in e-Moll deutlich. Die Virtuosität und absolute Kontrolle ihrer formidablen, leichten Technik, über die Sontraud Speidel mühelos und im Übermaß verfügt, stellt sie nie in den Vordergrund, sie werden in ihrem Spiel stets dem großen musikalischen Ausdruck untergeordnet, der heutzutage selten zu hören ist. Der Variationssatz am Ende gelingt ihr ebenfalls meisterhaft: das Thema, ein beinahe elegisches, ruhiges Meditieren, trägt die Pianistin tatsächlich, wie Beethoven es verlangt, "gesangvoll, mit innigster Empfindung" vor, ohne in falsches Pathos abzugleiten. Die folgenden Variationen gestaltet Sontraud Speidel mit größter Intensität, mit herrlichem Legato, großen Bögen und leuchtenden, orchestralen Farben bis hin zu dem Fugato der fünften Variation, in der große Steigerungen hörbar werden. Besonderen Eindruck hinterlässt sie schließlich mit der letzten Variation, in der es bis in rasende Läufe hinein trotzdem niemals eine Unklarheit gibt, auch keine Übertreibung in der Wahl der Tempi. Das ist großer, idiomatisch interpretierter Beethoven.

Auch Robert Schumann litt unter einer zunehmenden Hörstörung. Seine zweite Klaviersonate f-Moll (in heutiger Zählung als dritte Sonate bezeichnet), op. 14, entstand 1835/36 und war ursprünglich auf fünf Sätze angelegt. Schumann schreibt 1838 an seine geliebte Clara, diese Sonate sei "... ein einziger Herzensschrei nach Dir..." Sein Verleger wollte jedoch nur eine gekürzte Version veröffentlichen, und so entstand auch der Titel Concert sans Orchestre in einer dreisätzigen Form. Erst 1853 wurde die Sonate mit einem der beiden weggefallenen Sätze in der heute gültigen, viersätzigen Form veröffentlicht. Sontraud Speidel hat mit dieser äußerst selten aufgeführten Sonate eine hervorragende Wahl getroffen, auch dieses Werk liegt ihr vollkommen. Es ist leicht nachzuvollziehen, warum Sontraud Speidel in der von Robert Schumann 1834 gegründeten "Neuen Zeitschrift für Musik" unlängst als "Clara Schumann-Wieck unserer Tage" bezeichnet wird... Die Interpretation Sontraud Speidels zeigt in großer Leidenschaft und Leuchtkraft, mit klarem Ausdruck und Feingefühl der Nuancierung die sich widerstrebenden Gefühlsregungen Schumanns, deren Charaktere Florestan und Eusebius, entlehnt aus einem Roman des romantischen Dichters Jean Paul, deutlicher nicht gezeichnet werden können. Der wilde, kontrastreiche Beginn des ersten Satzes gelingt über alle Maßen beeindruckend, Sontraud Speidel lässt sich jedoch auch in den schnellsten Passagen, zum Beispiel dem Prestissimo possibile des vierten Satzes, niemals zu einer Übersteigerung des Affektes verleiten. Sogar in diesen fast nicht mehr spielbaren Passagen scheinen große innere Ruhe und stets wache Gelassenheit, gepaart mit Klarheit des Ansatzes und tiefer Sensibilität des Empfindens, das Spiel Sontraud Speidels zu inspirieren. Das ist wirklich kaum je so im Konzertsaal zu erleben...

An das Ende ihres Programms stellte die Pianistin die Sonate h-Moll, op. 58, von Frédéric Chopin. Zu Beginn beleuchtete Sontraud Speidel in ihrer Einführung die Bedeutung Johann Sebastian Bachs für Chopin, der alle seine Schüler stets Bach üben und spielen ließ. Besonders in Chopins dritter und letzter Sonate, entstanden 1844, zeigt sich seine Verehrung für den großen Meister aus Eisenach. Im ersten Satz finden sich zahlreiche polyphone Gedanken, der Charakter des Werkes ist tatsächlich manchmal an eine vergangene Epoche angelehnt. Der zu Beginn etwas strenge Duktus wird bald schon durch lyrische Seitenthemen und aus der Tiefe heraus rollende Bässe weitergewoben, und Sontraud Speidel steigert sich in ihrer lyrischen Kraft und Konzentration nach den anspruchsvollen Sonaten des Abends bis ins Äußerste. Klangbild und Phrasierung, Gestaltung und ihre Vertiefung des Ausdrucks erreichen Höhepunkte, wie man sie vielleicht in vergangenen Epochen und heute nur noch von wenigen, ganz großen Interpreten zu hören vermag. Sontraud Speidels Klavierspiel ist auch hier vollkommen auf der Suche nach den letzten Gründen des Werkes, niemals ist ihr Ton gefällig, süßlich oder kitschig, und auch im abschließenden Presto ma non tanto lässt sie sich nicht, wie viele andere es heute bevorzugen, dazu hinreißen, die großen Ansprüche des Werkes zu eigener, eitler Selbstdarstellung zu missbrauchen. Stehende Ovationen und nicht enden wollender Applaus im Saal!...

Die vollkommene Gelöstheit und bemerkenswerte innere Ruhe Sontraud Speidels, die wie mit dem Flügel verwachsen scheint, dennoch jederzeit in der Lage ist, unmittelbar zu attackieren und größte, orchestrale Klangfarben zu malen, ohne jemals hart zu werden, ist ein herausstehendes Merkmal dieser großen Künstlerin. Ihr Klavierspiel scheint einer künstlerischen Ära zu entstammen, der leider die meisten Pianistinnen und Pianisten der jüngeren Generation nicht mehr nachzuspüren vermögen oder es nicht wollen. Die charismatische Aura, die diese bescheidene, zutiefst menschliche und ernsthafte Künstlerin umgibt, übertrug sich derart auf ihr Klavierspiel, dass die Zuhörer unmittelbar in ihren Bann gezogen wurden. Größte Stille im Saal! Wenn man an die großen Pianistinnen der Vergangenheit (u. a. die Liszt-Schülerin Sophie Menter, Teresa Carreño, Clara Haskil, Myra Hess, Wanda Landowska, Maria Yudina und Grete Sultan) sowie die wenigen wirklich großen Interpretinnen der Gegenwart (u. a. Martha Argerich, Maria João Pires, Elisso Wirssaladze und Lilya Zilberstein) denkt, so fällt es leicht, Sontraud Speidel genau in diese Linie zu platzieren: sie ist eine wahrhaft große Pianistin, eine echte Künstlerin und Musikerin tiefster, echtester Art mit großartigem und epochalem Klavierspiel.

© Moritz von Bredow

Der Hamburger Kinderarzt und Autor Moritz von Bredow veröffentliche 2012 bei Schott Music die viel beachtete Biographie "Rebellische Pianistin" über die Berliner Pianistin Grete Sultan (1906-2005), die in letzter Minute der NS-Verfolgung entkam und in New York zur Muse des Komponisten John Cage wurde. Derzeit arbeitet der Autor an der Herausgabe der Familienchronik einer deutsch-jüdischen Familie aus Süddeutschland.